Rimini, wie du es noch nie gesehen hast: das Tagebuch eines Concierge

Von Rimini zum Montefeltro zu Fuss: der langsame Trekkingweg, der am Strand beginnt

Stell dir vor. Du bist am Meer. Sand, Sonnenschirme, das Rauschen der Wellen. Nur wenige Schritte entfernt, unter der Sonne, gibt es einen Fluss, der die Stadt durchschneidet, direkt nach Nordwesten zieht, in ein Tal eintaucht, ansteigt. Und nach ein paar Kilometern Asphalt und Schotter — bist du in den Hügeln. Nach ein paar weiteren Kilometern — bist du in den Schluchten. Nach ein paar weiteren — bist du im Montefeltro, auf 800 Metern, der Atem verändert sich und der Blick schweift über drei Regionen.

Du startest am Meer und kommst in den Bergen an. Zu Fuss. Ohne jemals das Auto zu nehmen.

Es ist keine Idee. Es ist kein Projekt in der Schublade. Es ist ein Rad- und Fussweg, der bereits existiert. Er heisst Via del Marecchia, und wer ihn geht, weiss: Es ist das Gegenteil eines Riviera-Urlaubs. Es ist der Riviera-Urlaub, von dem du nicht wusstest, dass du ihn machen kannst.

Der Weg, der dort beginnt, wo der Asphalt endet

Wir starten in Rimini. Nicht vom historischen Zentrum. Vom grünen Herzen der Stadt: dem Marecchia-Park, wo die Stadt die Arme öffnet und Platz für das Flussbett lässt. Die Einheimischen kennen ihn gut. Samstagnachmittags füllen sie ihn mit Familien, Kindern auf Fahrrädern, glücklichen Hunden, Grillpartys im Schatten der Pappeln. Es gibt eine kleine Bar, eine Wiese, einen Picknickbereich. Es sieht schon aus wie auf dem Land, und doch ist das Zentrum zehn Minuten entfernt.

Von hier startet der Weg. Glatter Asphalt, klare Beschilderung, Richtung Südwesten.

Die erste Überraschung: Die Mündung des Marecchia ist ein Ökosystem. Wo der Fluss auf das Meer trifft, nisten Zugvögel, wachsen Schilfrohre, mischt sich Sand mit den Kieseln, die die Fluten mitgebracht haben. Nur wenige Touristen wissen das. Fast niemand geht dorthin zu Fuss. Dabei ist es der Nullpunkt einer Route, die dich bis nach Montecopiolo, nach Pennabilli führt, auf den Spuren der Montefeltro.

Du gehst und die Landschaft verändert sich. Langsam. Als würde jemand den Lautstärkeregler der Natur drehen.

Zuerst die Lagerhallen, dann die Felder. Das Geräusch der Autos wird leiser. Du betrittst das Gebiet von Santarcangelo. Plötzlich: Stille.

Von der Piazza Ganganelli bis zur Marecchia-Brücke sind es weniger als 2 Kilometer. Von der Brücke aufwärts 9 Kilometer bis Ponte Verucchio. Eine Strecke, die du in anderthalb Stunden zu Fuss, in einer halben Stunde mit dem Fahrrad schaffst. Der Weg führt am Fluss entlang, vorbei an kleinen Seen, Weinbergen, einem Golfplatz. Im Frühling explodieren die Farben. Im Herbst fallen die Blätter aufs Wasser und der Fluss wird zum Spiegel.

Doch die eigentliche Überraschung kommt, wenn du den Asphalt verlässt und den Schotterweg ins Landesinnere nimmst.

Der unerwartete Stopp: die Ca‘ Brigida Oase

An einem bestimmten Punkt gabelt sich der Weg.

Wenn du geradeaus gehst, erreichst du Ponte Verucchio und von dort Verucchio, das Malatesta-Dorf, Wiege der Villanova-Kultur. Aber wenn du den linken Weg nimmst, in der Ortschaft Il Doccio, betrittst du eine andere Dimension.

Die WWF-Oase Ca‘ Brigida.

17 Hektar. Wälder, Wiesen, Hecken. Ein Bach, der das Reservat auf einer langen Strecke durchquert. Ein Schmetterlingsgarten. Ein Park mit alten Pflanzen und Olivenhainen traditioneller Sorten. Und ein Netz von Wanderwegen: exakt 2.500 Meter, alle begehbar, alle gemacht für Menschen, die gehen, schauen, zuhören.

Es ist nicht nur Natur. Es ist Archäologie. Hier gibt es Spuren der Villanova-Kultur von Verucchio — uralte Siedlungen, älter als die Etrusker, die die Quellen des Rio Felisina zum Leben nutzten. Ein Ort, an dem man die Vergangenheit unter den Schuhen spürt.

Die Tierwelt? Rehe, Stachelschweine, Dachse, Füchse. Tag- und nachtaktive Greifvögel. Amphibien, Reptilien, so viele Schmetterlinge und Libellen, dass man sich wie in einer Dokumentation fühlt. Das Besucherzentrum, ein renoviertes altes Bauernhaus, beherbergt einen Ausstellungsraum mit naturhistorischen Funden aus dem Valmarecchia und die WWF-Bibliothek «Bruno Marabini». Geführte Touren, Bildungsaktivitäten, Arbeitscamps sind möglich. Es gibt auch eine Gästeunterkunft mit Küche für diejenigen, die länger als einen Tag bleiben möchten.

Ca‘ Brigida ist ein Knotenpunkt. Nicht nur geografisch. Es ist der Punkt, an dem du verstehst, dass das Valmarecchia kein Zubehör der Riviera ist. Es ist eine Welt für sich, mit eigener Identität, eigener Geschichte, eigener Tierwelt. Und du kannst sie zu Fuss erreichen, startend vom Strand.

Panorama des Valmarecchia von Verucchio aus gesehen
Das Valmarecchia von Verucchio aus gesehen. Foto: Wikimedia Commons

Ponte Verucchio und der Weg zur Madonna di Saiano

Du nimmst die Route wieder auf und erreichst Ponte Verucchio. Hier verändert sich die Landschaft erneut: Das Wasser fliesst schneller, das Flussbett verengt sich, die Hügel werden zu Wänden.

Von Ponte Verucchio führt ein Weg bergauf.

2,5 Kilometer Schotterpiste, 300 Höhenmeter. Es ist kein Spaziergang in Badeschlappen — du brauchst richtige Schuhe, Ausdauer, den Willen zu steigen. Aber oben wartet das Santuario della Madonna di Saiano, auf einem Felsvorsprung thronend, der das Tal überblickt. Seit Jahrhunderten ein Pilgerziel. Ein Ort, an dem die Stille ein anderes Gewicht hat.

Die Erfahreneren gehen weiter. Weitere 2 Kilometer, wieder Höhenmeter, bis nach Montebello. Ein winziges Dorf, eine Burg wie aus einem Märchen, dahinter die Natè-Natur-Oase. Hier hältst du an und schaust zurück: Du stundenlang gelaufen, hast das Meer unter dir gelassen, und jetzt bist du auf 400 Metern, umgeben von Wäldern, mit nichts als dem Rauschen des Windes in den Blättern.

Noch nie war die Flucht aus der Riviera so einfach. Und doch tut es fast niemand.

Der grüne Korridor zum Montefeltro

Du gehst weiter. Der Weg führt dich direkt nach Novafeltria, ins Herz des oberen Valmarecchia. Früher fuhr hier die Eisenbahn, heute verläuft hier der Radweg. Eine Route, die wie gezeichnet wirkt: Felder, Weinberge, kleine Seen, und dann der Fluss, der dich begleitet wie ein stiller Freund.

Das Schöne an dieser Route ist, dass du nicht alles im Voraus entscheiden musst. Du kannst in Novafeltria anhalten, in einem der Dörfer zu Mittag essen, eine Burg besichtigen. Oder weitergehen, denn die Strasse endet nicht. Ab dem Naturpark Sasso Simone und Simoncello ist jeder Meter ein Geschenk.

Naturpark Sasso Simone und Simoncello: das wilde Herz

4.991 Hektar geschützte Natur. Ein Gebiet, das die Emilia-Romagna und die Marken umfasst, übersät mit Dörfern: Carpegna, Frontino, Montecopiolo, Piandimeleto, Pennabilli, Pietrarubbia.

Der Park verdankt seinen Namen zwei Kalksteinmassiven, die wie steinerne Riesen aus dem Hügel ragen. Dem Sasso Simone und dem Simoncello. Kolosse mit flachen Gipfeln, hierher gelangt aus einer anderen geologischen Ära — vor Millionen von Jahren, als der Apennin noch nicht geboren war und das Meer bedeckte, was wir heute Montefeltro nennen.

Auf dem Sasso Simone siedelten sich die prähistorischen Menschen an. Dann die Römer. Dann die Benediktinermönche. Jede Epoche hat ihre Spuren hinterlassen. Heute kommen Familien, Schulklassen, Wanderer aller Art hierher. Die Wege sind markiert, die Rastplätze ausgestattet, die Aussicht — von dort oben — umfasst drei Regionen.

Ein Weg unter vielen verdient besondere Erwähnung: derjenige, der von der Cantoniera di Carpegna startet und in den Wald führt. Ein auch im Sommer kühler Spaziergang, zwischen jahrhundertealten Buchen, Lichtspielen und jener tiefen Stille, die nur echte Wälder schenken können.

Hier hörst du die Stadt nicht mehr. Du hörst den Verkehr nicht mehr. Du hörst nichts, ausser deinem eigenen Atem.

Der Sasso Simone, Symbol des Naturparks
Der Sasso Simone, Symbol des Parks. Foto: Wikimedia Commons

Valconca und Onferno: die natürliche Erweiterung

Wenn du Zeit hast, weitet sich die Route. Das Conca-Tal, südlich von Rimini, ist eine weitere Möglichkeit: von Cattolica ins Landesinnere, durch San Giovanni in Marignano, Morciano, Montefiore Conca. Der Valconca-Radweg ist sanft, für alle geeignet, eingetaucht in eine Landschaft, die Felder und alte Kastanienhaine abwechselt.

Und dann ist da Onferno. Ein Juwel.

Das Naturreservat Onferno in der Gemeinde Gemmano ist eines der faszinierendsten Karstgebiete Italiens: die Grotten von Onferno, UNESCO-Weltkulturerbe, mit über 750 Metern Galerien, die das Wasser in den Gipsfelsen gegraben hat. Mehr als 6.000 Fledermäuse leben dort. Eine unterirdische, parallele Welt, die du mit einem Führer und einer Stirnlampe besuchen kannst.

Wenn die Marecchia-Route der Korridor nach oben ist, ist die Valconca der Korridor nach innen. Zwei verschiedene Wege zu entdecken, dass die Riviera nicht nur die Küste ist.

Warum du es jetzt tun solltest

Langsamer Tourismus ist kein Trend. Es ist eine Notwendigkeit. Die Städte sind voller Lärm, die Strände voller Sonnenschirme, die Tage voller Verpflichtungen. In Stille gehen, einem Fluss folgen, in einen Wald eintauchen, auf einer Burg ankommen — es ist das Gegenteil von all dem. Es ist der Luxus der Zeit.

Und das Valmarecchia ist perfekt dafür. Weil es nah ist. Weil es dort beginnt, wo du schon bist. Weil du nichts organisieren, nichts buchen, nicht im Morgengrauen aufbrechen musst. Zieh die Wanderschuhe an, verlass das Hotel, geh. In einer Stunde bist du in den Schluchten. In zwei Stunden bist du in Ca‘ Brigida. In einem halben Tag bist du im Montefeltro.

Die Einheimischen wissen das. Sie nennen es «hinaufgehen». Hinaufgehen, ins Tal, in die Kühle, in die echte Romagna. Die der Hügel, der Dörfer, der Stille. Die, die Touristen oft nur aus dem Autofenster sehen, auf dem Weg nach San Marino oder Urbino, ohne je anzuhalten.

Halt an. Steig aus. Geh.

Häufig gestellte Fragen zum Trekking Rimini-Montefeltro

Wo beginnt der Rimini-Novafeltria Rad- und Fussweg?

An der Mündung des Marecchia-Flusses in Rimini, im Marecchia-Park. Der Eingang ist ausgeschildert, mit Parkplatz und Picknickbereich. Von hier führt der Weg das Tal hinauf bis Novafeltria.

Wie lang ist der Marecchia-Radweg?

Die Hauptstrecke von Rimini nach Novafeltria ist etwa 30 km lang, vollständig zu Fuss oder mit dem Fahrrad machbar. Die Abschnitte sind im unteren Teil asphaltiert, im oberen Teil Schotterpisten.

Kann man die Ca‘ Brigida Oase ohne Führung besuchen?

Ja, die Oase kann auf eigene Faust über das Netz beschilderter Wege (insgesamt 2,5 km) erkundet werden. Für Führungen und Bildungsaktivitäten empfiehlt sich die Kontaktaufnahme mit dem Besucherzentrum.

Welche Dörfer liegen entlang der Strecke?

Santarcangelo di Romagna, Verucchio, Torriana, Montebello, Novafeltria, Pennabilli, Carpegna und die Dörfer des Naturparks Sasso Simone und Simoncello. Jeder Stopp lohnt sich.

Ist die Strecke für Familien mit Kindern geeignet?

Ja, der Rad- und Fussweg ist bis Ponte Verucchio flach und für alle geeignet. Die Wege nach Montebello und Madonna di Saiano erfordern ein Minimum an Kondition. Die Ca‘ Brigida Oase ist perfekt für Familien.

Der Tipp eines Einheimischen

Hin und wieder fragt mich jemand: Aber was gibt es in Rimini zu tun, ausser dem Strand?

Ich sage immer: Verlass das Hotel, geh zum Fluss, und lauf. Mehr brauchst du nicht. Bequeme Schuhe, einen leichten Rucksack, Neugier. Das Tal erledigt den Rest.

Wenn du früh aufbrechen und zum Abendessen zurück sein willst, ist die Route perfekt. Wenn du übernachten willst, wenn du die Trüffel von Sant’Agata Feltria oder das Brot von Maiolo probieren willst, wenn du dich in den Seelenorten von Tonino Guerra in Pennabilli verlieren willst — brauchst du nur mehr Zeit.

Aber für den Anfang reichen vier Stunden zu Fuss.

Und du weisst, wo du mich findest, wenn du in der Gegend bist. Im Aqua Hotel, nur einen Steinwurf vom Meer entfernt. Frag nach mir, und ich sag dir, wo es langgeht.

Über mich

Mein Name ist Cristian Brocculi und seit über zwanzig Jahren lebe und arbeite ich in Rimini.
Ich kenne jede Ecke dieser Stadt – von den bekannten Sehenswürdigkeiten bis zu den versteckten Schätzen im Hinterland.

Ich habe diesen Blog erstellt, um dir zu helfen, Rimini wie ein echter Einheimischer zu erleben,
mit authentischen Tipps, lokalen Erlebnissen und Geschichten, die du in Reiseführern nicht findest.

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