Rimini, wie du es noch nie gesehen hast: das Tagebuch eines Concierge

Das INA Casa-Viertel in Rimini, das dich uberraschen wird

Jeden Morgen gehe ich die Via Dario Campana entlang, ohne nachzudenken.

Die Ampel, der Bar, die Kurve rechts. Gehirn auf Autopilot.

Eines Tages bin ich stehen geblieben.

Ich weiss nicht warum. Vielleicht das Septemberlicht. Vielleicht diese Mudigkeit, die einen verlangsamt statt anzutreiben. Ich blieb vor einem roten Backsteingebaude stehen und schaute.

Wirklich schaute.

Die Arkaden. Die offenen Innenhefe. Die exakten Proportionen zwischen den Etagen. Die Sichtziegel, die nicht zufallig gewahlt schienen. Der grobe Stein in den Erdgeschossen. Die Putzgesimse, die jedes Stockwerk mit einer fast musikalischen Prazision gliederten.

Ich dachte: Wer hat diesen Ort gebaut?

Als ich die Antwort fand, wurde mir klar, dass ich inmitten von etwas lebte, das Rimini noch nicht zu Ende erzahlt hatte.

Das war kein gewohnlicher Stadtteil

Rimini, Ende der vierziger Jahre.

Der Krieg hatte uberall seine Spuren hinterlassen. Die Bombardierungen von 1943 und 1944 hatten die Stadt hart getroffen. Familien lebten auf engem Raum. Kinder schliefen zu dritt in einem Zimmer. Manche Menschen lebten noch in Behelfsbaracken, die eigentlich provisorisch sein sollten, aber dauerhaft geblieben waren.

Das war nicht nur Rimini. Das war ganz Italien.

1949 antwortet die Regierung mit einer Masnahme, die das Gesicht dutzender italienischer Stadte verandern sollte: der INA Casa Plan, auch bekannt als Fanfani-Plan, benannt nach Arbeitsminister Amintore Fanfani. Das erklarte Ziel: Wohnungen fur Menschen ohne Unterkunft bauen und Arbeitsplatze im Baugewerbe schaffen.

Aber in diesem Gesetz steckte noch etwas mehr.

Eine Philosophie.

INA Casa-Gebaude waren keine Schlafsale. Keine anonymen Hochhausschluche. Es waren von Architekten entworfene Stadtteile — mit genauen Regeln: Raumabmessungen, Fassadenproportionen, Materialqualitat. Es gab ein Handbuch. Es gab eine Sorgfalt, die 1949 alles andere als selbstverstandlich war.

Das Programm lief vierzehn Jahre, bis 1963. Hunderte von Stadtteilen wurden in ganz Italien gebaut. Viele sind noch heute erkennbar — an diesen roten Ziegeln, an diesen Hofern, an diesem Gefuhl, einen Ort mit einer eigenen Identitat zu betreten.

Fur das wichtigste Projekt der gesamten Provinz Rimini wenden sie sich an einen jungen romischen Architekten.

Sein Name: Piero Maria Lugli.

Der Architekt, der eine Gemeinschaft entwarf

Lugli wurde 1923 in Rom geboren. Als er den Auftrag fur das INA Casa-Viertel in Rimini gewann, war er kaum zwanzig Jahre alt. Er arbeitete mit Sergio Lenci. Auftraggeber war das IACP Forli (Istituto Autonomo Case Popolari) — die autonome Wohnbaugesellschaft der Provinz.

Das war nicht nur ein Bauauftrag.

Es war eine stadtebauliche Herausforderung.

Lugli hatte 8,6 Hektar entlang der Via Dario Campana zur Verfugung. Seine Idee: ein autarker Stadtteil. Nicht isoliert. Vollstandig. Alles, was man fur ein gutes Leben braucht, bereits hier drinnen.

Er legte das Schema radial an — eine zentrale Tragachse, von der die Gebaude ausstrahlen, mit offenen Hofen und halboffentlichen Grundflachen. Kein Raster. Ein Organismus. Eine innere Logik, die man spurt, wenn man durchgeht, auch ohne sie erklaren zu konnen.

Die Zentralachse als Wirbelsaule. Die Hofe als Lungen. Du gehst nicht zwischen Gebauden. Du gehst durch etwas, das eine durchdachte Form hat.

Die Materialien: Sichtziegel-Fassaden, Putzgesimse, die jede Etage rhythmisieren, Steinsockel im Erdgeschoss. Nichts Luxurioses. Alles Qualitat.

Das Ergebnis, fertiggestellt zwischen 1949 und 1956, ist die grosste offentliche Baumasnahme der gesamten Provinz Rimini in der Nachkriegszeit.

Funfhundertsechsundzwanzig Wohnungen. Zweitausendsiebenhundertzwanzig Zimmer. Dreitausend geplante Bewohner.

Kein Gebaude. Kein Komplex.

Eine Stadt in der Stadt.

Das INA Casa-Viertel in Rimini — Sichtziegel und offene Innenhefe entlang der Via Dario Campana
Das INA Casa-Viertel in Rimini, entworfen von Piero Maria Lugli zwischen 1949 und 1956. Foto: Cristian Brocculi

Was Lugli fur die Menschen geplant hatte, die dort leben wurden

Lass mich dir erklaren, was von Anfang an in diesem Viertel vorgesehen war.

Ein Kindergarten. Eine Grundschule. Kinder konnten aufwachsen, ohne jeden Morgen kilometerweite Wege zuruck zu legen.

Ein Gemeinschaftszentrum. Ein Raum fur gemeinsame Aktivitaten, Treffen, das Leben als Gemeinschaft. Denn gut leben bedeutet nicht nur vier anstandige Wande zu haben. Es bedeutet, einen Ort zum Begegnen zu haben.

Eine uberdachte Markthalle. Brot, Gemuse, Fleisch — alles zu Fuss erreichbar.

Vierzehn Geschafte ins Viertelsgefuge eingewoben. Kein Einkaufszentrum auf der grunen Wiese. Kleine Geschafte im Viertel selbst, wie in jeder funktionierenden italienischen Altstadt.

Denk an diese Liste. Dann denk an das Jahr: 1949.

In einem Italien, das noch aus den Trummern aufstand, hatte jemand ein vollstandiges Stuck Stadt imaginiert — von Anfang an mit derselben Sorgfalt geplant, die man normalerweise burgerlichen Innenstadtvierteln vorbehalt.

Das war kein sozialer Wohnungsbau im abwertenden Sinne.

Das war Stadtebau. Das war Architektur. Das war — um ein Wort zu verwenden, das damals echtes Gewicht hatte — Wurde.

1978, zwanzig Jahre nach Fertigstellung des Viertels, wird ein Auditorium mit 700 Platzen hinzugefugt. Die Gemeinschaft ist gewachsen. Das Viertel passt sich an. Es atmet.

Das Viertel, das sich in zwei teilte und ganz blieb

Als Lugli das Viertel plante, komplizierte eine stadtebauliche Auflage alles. Eine Umgehungsstrasse sollte das Gelande durchschneiden und das Viertel in zwei getrennte Kerne teilen.

Nicht das, was Lugli wollte. Aber der Entwurf passte sich an: gleiche Materialien, gleiche architektonische Sprache, gleiche Philosophie der Raume. Wenn du eine Idee in zwei Teile schneiden musst, sollen die zwei Halften wenigstens noch miteinander sprechen.

Dann geschah etwas Merkwurdiges. Die Umgehungsstrasse wurde verlegt. Die Auflage fiel. Technisch gesehen hatten die beiden Kerne wieder vereint werden konnen.

Aber die Teilung blieb.

Nicht aus Gleichgultigkeit. Sie blieb, weil Stadtviertel — wie Familien, wie Geschichten — sich an die Bedingungen anpassen, die sie vorfinden. Die beiden INA Casa-Kerne haben jeweils eine eigene Micro-Identitat entwickelt, wahrend sie denselben Ursprung teilen. Sie schauen sich aus der Ferne an. Sie erkennen sich.

Darin steckt etwas sehr Riminisches.

Mit neuen Augen hier spazieren gehen

Via Dario Campana verbindet das INA Casa-Viertel direkt mit der Altstadt von Rimini. Keine Ausfallstrasse. Eine Strasse, die in die Stadt einfuhrt — eine jener Achsen, die Menschen jeden Tag benutzen, ohne zu merken, dass sie durch siebzig Jahre italienischer Wohngeschichte gehen.

Die Ziegel, die du siehst, sind nicht dekorativ. Sie sind Luglisi Signatur — seine Art zu sagen: Dieser Ort wurde durchdacht, nicht hingeworfen.

Die Hofe, die sich zwischen den Gebauden offnen, sind Raume, die dafur entworfen wurden, die Sonne hereinzulassen, halboffentliche Zonen zu schaffen, wo Kinder spielen konnen, wo Nachbarn sich begegnen konnen.

Hier zu wohnen bedeutet, in einem der wenigen Teile Riminis zu wohnen, wo jemand vor Jahrzehnten eine Frage gestellt hat, die selbstverstandlich sein sollte, es aber oft nicht ist:

Wie lebt man gut?

Nicht: Wie baut man schnell. Nicht: Wie maximiert man die Anzahl der Wohnungen pro Quadratmeter.

Wie lebt man gut.

Und dann hat man wirklich versucht, es zu beantworten.

Das Rimini, das in keinem Reisefuhrer vorkommt

Frag Einheimische nach dem INA Casa-Viertel. Fast niemand kennt seine Geschichte. Sie wissen, dass es ein altes Viertel ist, dass es Sozialwohnungen gibt, dass es in der Nahe des Marecchia-Flusses liegt. Aber die Geschichte von Lugli, dem Fanfani-Plan, den dreitausend geplanten Bewohnern — fast niemand kennt sie.

Frag Touristen. Sie kennen den Augustusbogen, die Tiberiusbrucke, das Fellini-Museum, Castel Sismondo. Sie kennen den Strand und die Notte Rosa. Sie kennen die romische und die Renaissance-Geschichte.

Aber dieses Stuck Stadt — 8,6 Hektar, entworfen von einem Architekten, der Wurde vor Zahlen stellte — ist unter dem Radar geblieben.

Das ist nicht Fellinis Rimini. Nicht das Rimini von Augustus und der Renaissance.

Das ist das Rimini von 1949. Von Menschen, die ein Zuhause brauchten. Von jemandem, der es fur sie mit Respekt entworfen hat.

Und es ist eines meiner liebsten Riminis.

Wie man das Viertel besucht

Das INA Casa-Viertel erstreckt sich entlang der Via Dario Campana, im nordlichen Teil der Innenstadt. Von der Piazza Tre Martiri sind es etwa zehn Minuten zu Fuss nordwarts. Das Viertel wird begrenzt von Via Dario Campana, Largo Gomberto Bordoni, Via Luigi Nicolo, Via Mario Capelli und Via Pagliarani.

Kein offizieller Eingang. Kein Kassenhauschen. Du gehst einfach rein. Am besten zu Fuss, in Ruhe: tritt in einen der offenen Hofe ein, schau dir die Fassaden aus der Nahe an, achte darauf, wie Ecken und Arkaden gelost sind.

  • Zu Fuss aus der Altstadt: 10-15 Minuten von der Piazza Tre Martiri oder dem Augustusbogen
  • Mit dem Fahrrad: ideal — schliess dich leicht ans stadtische Radwegenetz an
  • Mit dem Auto: Parkplatze entlang der Via Dario Campana und in den Nebenstrassen; ZTL-Zone prufen

Haufig gestellte Fragen

Was ist das INA Casa-Viertel in Rimini?

Es ist die grosste offentliche Wohnbaumasnahme, die in der Nachkriegszeit in der Provinz Rimini durchgefuhrt wurde. Zwischen 1949 und 1956 nach Planen des Architekten Piero Maria Lugli gebaut, umfasst es 526 Wohnungen auf 8,6 Hektar, mit integrierten Einrichtungen: Schule, uberdachte Markthalle, Gemeinschaftszentrum und 14 Geschafte. Es wurde im Rahmen des INA Casa Plans (Fanfani-Plan) realisiert, dem nationalen Wohnungsbauforderungsprogramm von 1949 bis 1963.

Wer hat das INA Casa-Viertel in Rimini entworfen?

Der leitende Architekt war Piero Maria Lugli (Rom, 1923-2008), der mit Sergio Lenci zusammenarbeitete. Auftraggeber war das IACP Forli. Lugli war damals kaum zwanzig Jahre alt — ein Fruhwerk eines Architekten, der noch lange im italienischen Stadtebau tatig sein sollte.

Wo befindet sich das INA Casa-Viertel in Rimini?

Entlang der Via Dario Campana, nordlich der Altstadt von Rimini. Zu Fuss in 10-15 Minuten von der Piazza Tre Martiri erreichbar. Das Viertel wird begrenzt von Via Dario Campana, Largo Gomberto Bordoni, Via Luigi Nicolo, Via Mario Capelli und Via Pagliarani.

Was macht die Architektur des Viertels besonders?

Sichtziegel-Fassaden, Putzgesimse und Steinsockel. Ein radiales Stadtgefuge mit einer zentralen Achse, offenen Hofen und halboffentlichen Grundflachen. Das bedeutsamste Merkmal ist die funktionale Autarkie: Schule, Markt, Gemeinschaftszentrum und Geschafte waren von Anfang an Teil des Entwurfs — ungewohnlich fur sozialen Wohnungsbau jener Epoche.

Kann man das INA Casa-Viertel in Rimini besuchen?

Es ist ein aktives Wohnviertel — kein Museum, keine Buchung erforderlich. Man besucht es einfach durch Spazierengehen. Die offenen Hofe und Arkaden sind zuganglich. Ein Spaziergang fur alle, die sich fur Architektur, Stadtgeschichte oder das Rimini abseits der ublichen Touristenpfade interessieren.

Wenn mich jemand fragt, was es in Rimini ausser dem Strand und der Altstadt zu sehen gibt, erzahle ich von diesem Ort.

Kein Denkmal. Keine Kathedrale. Kein Museum.

Ein Viertel, in dem echte Menschen leben. Wo Kinder zur Schule gehen, wo alte Manner in der Sonne sitzen, wo man morgens den Kaffeeduft von offenen Balkonen aufschnappt.

Aber auch der Beweis, dass jemand in bestimmten Momenten unserer Geschichte innegehalten hat, bevor er gebaut hat. Nachgedacht hat, wer dort leben wurde. Nicht nur Mauern entworfen hat — sondern eine Gemeinschaft.

Diese Gemeinschaft gibt es noch.

Und wenn du durch die Via Dario Campana kommst, schau dich um.

Halte an — auch du — und schau wirklich hin.

Du weisst, wo du mich findest. Im Aqua Hotel, einen Steinwurf von diesem Rimini entfernt, das einen nie aufhort zu uberraschen.

Über mich

Mein Name ist Cristian Brocculi und seit über zwanzig Jahren lebe und arbeite ich in Rimini.
Ich kenne jede Ecke dieser Stadt – von den bekannten Sehenswürdigkeiten bis zu den versteckten Schätzen im Hinterland.

Ich habe diesen Blog erstellt, um dir zu helfen, Rimini wie ein echter Einheimischer zu erleben,
mit authentischen Tipps, lokalen Erlebnissen und Geschichten, die du in Reiseführern nicht findest.

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